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Ghört das Auto 'i' deer oder 'i' dinere Mueter

Vielen sind die vier Fälle des Standarddeutschen noch aus dem Deutschunterricht bekannt. Ob ein Teil des Satzes im Nominativ, Akkusativ, Dativ oder Genitiv steht, sollte man damals mit dem richtigen Fragewort herausfinden (Wer?, Wen?, Wem?, Wessen?). Die Dialekte unterscheiden sich hier vom Standarddeutschen, da man in der Schweiz sehr häufig einem zweiteiligen System begegnet, das den Nominativ und Akkusativ (Wer? und Wen?) zusammenfasst und vom Dativ (Wem?) unterscheidet.

Der standarddeutsche Satz «Ich habe das Buch doch dir gegeben» kann auf Zürichdeutsch als Ich ha das Buech doch diir gää übersetzt werden, wobei diir ein Dativ ist. Einige Dialekte gehen hier einen Schritt weiter und markieren diesen Dativ zusätzlich, indem sie ihn mit a oder i ergänzen. In Luzern lautet der gleiche Satz etwa Ich ha das Buech doch i der gää.

Auf der untenstehenden Karte ist das Luzerner Kerngebiet mit der Dativerweiterung i braun eingefärbt. Aber auch jenseits der Kantonsgrenze lassen sich braune Punkte finden – etwa im südlichen Aargau und in den angrenzenden Innerschweizer Gebieten. Der Bündner Bezirk Prättigau/Davos ist nur deshalb dunkelbraun, weil dort lediglich eine Person die Frage beantwortet hat, und kann daher ignoriert werden. 

Im gelben Dialektraum, der sich über die Kantone Obwalden, Uri, Schwyz und Glarus spannt, wird der Dativ mehrheitlich mit einem a verstärkt. In Obwalden könnte der Satz also wie Ich ha das Bioch doch a diär gä klingen. Der Dativzusatz, sei es mit a oder mit i, ist in keinem Dialekt obligatorisch – mit Ausnahme von Muotathal.

Die Dativmarkierung hat sich auf verschiedene sprachliche Kontexte ausgeweitet und kann heute mit unterschiedlichen Wortarten und Geschlechtern gebraucht werden. 2018 wurden die Userinnen und User der App gschmöis gefragt, wie sie den Satz «Er gehört meiner Schwester» sagen würden. Die Antworten sind unten zusammengefasst. Die grüne Grundfarbe zeigt an, dass in jedem Kanton, ausser in Schwyz, die Variante ohne zusätzliche Dativmarkierung miner(e) Schwöschter am beliebtesten war. Ist das Grün schwächer, sind die i/a-Varianten verhältnismässig häufiger anzutreffen. Die dunkelblauen Punkte repräsentieren Personen, die i minere Schwöschter präferieren. Diese Antworten stammen meistens aus einem Gebiet, das sich vom östlichen Solothurn über den Aargau und Zug nach Luzern erstreckt. 

Weiter verbreitet ist die Variante a minere Schwöschter/Schweschter, die durch die orangen Punkte gezeigt wird. Obwohl diese Form bei vereinzelten Teilnehmenden aus der ganzen Deutschschweiz Anklang fand, ergibt sich ein Kerngebiet in der Zentralschweiz, wobei Schwyz besonders stark hervortritt. Da besonders viele Personen in städtischen Zentren (Zürich, Bern, Biel, etc.) die Frage beantwortet haben – darunter sicher auch einige Zugezogene –, könnte man auf den ersten Blick meinen, sie seien auch Zentren der orangen Variante mit a. Im Verhältnis ist der unmarkierte Dativ (grün) aber viel häufiger!

Ein spannender Aspekt der Dativmarkierung wurde von den Dialektforschenden Claudia Bucheli Berger und Christoph Landolt herausgearbeitet: Sie beschreiben in ihrem Artikel «Dialekt und Konfession in der Deutschschweiz», dass sich die Dativmarkierung besonders gut in katholischen Gebieten halten konnte. Tatsächlich scheinen die konfessionellen Unterschiede zwischen reformierten und katholischen Gebieten einen Einfluss auf die Grammatik und den Wortschatz unserer Dialekte zu haben. Es zeigt sich, dass nebst topographischen und administrativen auch religiöse Grenzen Sprachgemeinschaften voneinander trennten, die ein Dialektmerkmal weitertragen oder eben verlieren konnten.

Weiterführende Informationen

Du willst mehr wissen?

Der Syntaktische Atlas der deutschen Schweiz (kurz SADS) stellt grammatische Eigenheiten der Dialekte auf interaktiven Karten dar. Unter dem folgenden Link kannst du dir die Dativmarkierungen noch genauer anschauen:

Dativmarkierung im SADS

Hier weiter auf die Website des Idiotikons, zum Artikel von Bucheli Berger und Landolt:

Dialekt und Konfession in der Deutschschweiz

Woher kommen die Daten für unsere Karten?

Die hier vorgestellten Karten basieren noch auf den Daten unserer Vorgänger-App gschmöis. Wenn du gerne mehr über dieses Projekt erfahren möchtest, klicke auf den folgenden Link:

Zum alten gschmöis