«Issisch du t Eier met oder ooni sawts?» – Nicht nur Berner ersetzen gerne ihre l-Laute
In den 1930er-Jahren füllten Lehrpersonen in vielen Schweizer Gemeinden sogenannte Wenker-Bögen aus. Das ambitionierte Grossprojekt, vom deutschen Dialektologen Georg Wenker gegründet, sollte das ganze Sprachgebiet des Deutschen erfassen. In Menziken AG wurde folgender Satz übersetzt:
Umschrift: e̊r ìss-t-èie̊r ìmme̊r òni sawts ùmpfäffe̊r.
Offensichtlich lag der Lehrkraft, die den Bogen ausfüllte, viel daran, ihren Dialekt so genau wie möglich zu verschriftlichen. Dementsprechend wurde auch das standarddeutsche «Salz» der Vorlage hier als sawts festgehalten. Aus dem l, das am Zahndamm ausgesprochen wird, wurde ein u-Klang, den die Lehrkraft als w interpretierte, da beide Laute mithilfe der Lippen produziert werden. Dieser Wandel von l zu u mag vielen auf Anhieb Berndeutsch vorkommen: Die l-Vokalisierung, wie man diese lautliche Besonderheit nennt, ist sehr wahrscheinlich im Emmental entstanden und hat sich von dort aus in andere Dialektgebiete ausgebreitet. Derselbe Satz wurde von der Lehrperson in Langnau im Emmental BE folgendermassen übersetzt:
Umschrift: Är isst d’Eier gäng ohni Sauz u Pfäffer.
Tatsächlich ist diese «Berner» Eigenschaft um einiges verbreiteter, als man vielleicht vermutet. Die untenstehende Karte aus dem Sprachatlas der Deutschen Schweiz (SDS) markiert mit Violett, wo man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fouge sagte, anstatt folge. Neben dem Kerngebiet im Kanton Bern – mit Ausnahme des Oberlands – traf man die Variante auch in den angrenzenden Gebieten in den Kantonen Solothurn, Aargau und Luzern an.
Grün eingefärbt sind hingegen die Teile der Deutschschweiz, in denen das l nicht vokalisiert, aber weiter hinten am Gaumen ausgesprochen wurde. Dies stellt wahrscheinlich eine Vorstufe auf dem Weg des l zu einem Vokal dar. Orange sind alle Gebiete, in denen das l sich nicht verändert hatte.
Die Daten des SDS halten eine historische Sprachsituation fest. Seither sind etwa 80 Jahre vergangen und es stellt sich die Frage, ob die räumliche Ausbreitung des Phänomens noch mit der älteren Karte übereinstimmt. Unsere App nöis gschmöis fragt ebenfalls nach der Aussprache des Verbs «folgen» und es hat sich die untenstehende Karte ergeben:
Im Wallis, in Graubünden und im Grossteil der restlichen Deutschschweiz wählt die Mehrheit der befragten Personen eine Form des Typs folge, hier wird das l also als solches ausgesprochen. Im Gegensatz zu diesem blauen Gebiet, bevorzugen die Befragten im hellroten Gebiet eine Form des Typs fouge. Das Kerngebiet der l-Vokalisierung lässt sich also auch in den App-Daten im Kanton Bern verorten, von wo aus es sich in Regionen der Kantone Aargau, Solothurn und Luzern ausbreitet – also genau so, wie wir es basierend auf dem Sprachatlas der Deutschen Schweiz vermuten würden.
Allerdings stellt diese Karte nur die häufigste Antwort pro Bezirk dar. Je dunkler die Färbung, desto einheitlicher sind die Antworten . Wie sieht nun die Verteilung aus, wenn wir uns nicht nur die häufigsten Antworten anschauen, sondern kartieren, wo die l-Vokalisierung überhaupt vorkommt?
Vergleichen wir diese Karte mit der SDS-Karte weiter oben, können wir versuchen, den lautlichen Wandel nachzuvollziehen, der seit den 1930ern stattgefunden hat: Unser rotes Gebiet und das violette des SDS sind nämlich nicht deckungsgleich. Grosser Beliebtheit erfreuen sich die u-haltigen Formen in der Innerschweiz. Neben den Gebieten im Norden und Westen von Luzern – wo das dominante Resultat zu erwarten war – stellen die vokalisierten Antworten nun auch in Nidwalden die Mehrheit. Eine nördliche Erweiterung des vokalisierenden Gebiets findet sich im Kanton Solothurn, wo sich die u-Formen jedoch nicht mehrheitlich durchsetzen konnten.
Diese dunkelrote Kernregion wird umgeben von hellroten Bezirken und Kantonen, in denen ein kleiner Teil der Befragten, ihre ls vokalisieren. In Uri, Schwyz, Zug und Teilen des Aargaus verzeichnet der SDS immerhin velarisierte Formen – also die Vorstufe zur Vokalisierung – was ein stimmiges Bild ergibt. Das grüne Gebiet des SDS und unser hellrotes weichen aber an zwei Stellen stark voneinander ab: Selbst in Regionen, in denen ein l traditionellerweise weder velarisiert noch vokalisiert wird – also im Berner Oberland und rund um den Zürichsee – wählten einige Teilnehmende die Form fouge aus.
Eine weitere Ausweitung dieses Dialektmerkmals scheint also möglich und es wird sich auch in Zukunft lohnen, die spannende Entwicklung der l-Vokalisierung zu verfouge.