Laa de Lumpe nume «la» ligge – Zur Verdoppelung von «lassen»
In einem weniger ernsten Beitrag zur Leistungsgesellschaft ermahnt der Sänger Müslüm mit den Worten Chum, lass la bambele, das Leben nicht zu ernst zu nehmen und sich hin und wieder eine Auszeit zu gönnen. Nebst der Verkleinerungsform -ele, die wir von vielen schweizerdeutschen Verben vom Typ käfele und zmörgele kennen, entsteht der Gleichklang dieses Refrains durch eine weitere schweizerdeutsche Besonderheit: die lassen-Verdoppelung.
Der Name dieses Phänomens verrät es bereits: Das Verb lassen wird in einigen schweizerdeutschen Dialekten in einer zusätzlichen Partikel la/lo/lan/etc. verdoppelt, die der Grundform des Verbs ähnlich ist. Ins Standarddeutsche übertragen würde dieser Satz dann heissen: Lass den Lumpen nur lassen liegen.
Dabei ist lassen nicht das einzige Verb im Schweizerdeutschen, das doppelt auftreten kann. Auch gehen, kommen und anfangen können im Schweizerdeutschen verdoppelt werden – gehen sogar verdreifacht:
Ich gang go(ge) schaffe.
Chom cho luege!
S foot afo rägne.
Das Verb gehen wird in allen schweizerdeutschen Dialekten verdoppelt; der Satz ohne die Verdoppelung, also ich gang schaffe, dürfte für die Mehrheit der Schweizerdeutschsprecher:innen falsch klingen. Anders sieht es bei der Verdoppelung von lassen aus. Wem das Beispiel im Titel dieses Beitrags, laa de Lumpe nume la ligge, unnatürlich erscheint, kommt vielleicht aus der Ostschweiz: Dass die lassen-Verdoppelung nicht überall in der Schweiz anzutreffen ist, zeigt die untenstehende Karte:
Die verwendeten Daten für diese Darstellung stammen von unserer App nöis gschmöis, in der die Teilnehmenden entscheiden mussten, wie sie den hochdeutschen Satz Er lässt den Schreiner kommen in ihrem Dialekt sagen würden. Die blaue Variante, bei der lassen nicht verdoppelt wird, macht in der Ostschweiz durchgehend mehr als die Hälfte der Antworten aus. Von Schaffhausen über den Thurgau und Zürich, durch St. Gallen und das Appenzell, zieht sich das Gebiet weiter nach Glarus und schliesslich ins Bündnerland. Auch in der Nordwestschweiz – also in Teilen der Kantone Aargau, Basel-Landschaft und -Stadt – ist die Verdoppelung weniger beliebt. In der restlichen Deutschschweiz verdoppelt die Mehrheit der Befragten lassen – was auf der Karte grün dargestellt ist. Diese Erkenntnisse decken sich grösstenteils mit der bestehenden Forschung:
Der Syntaktische Atlas der deutschen Schweiz (SADS) hat erstmals systematisch gezeigt, dass sich unsere Dialekte nicht nur durch ihre Lautung und ihren Wortschatz unterscheiden, sondern auch in der Art und Weise, wie wir Sätze bilden. Dazu wurden in den frühen 2000er-Jahren Daten mit schriftlichen Fragebögen erhoben.
Die lassen-Verdoppelung ist ein Beispiel für einen solchen Unterschied in der Syntax, also der Satzlehre. Der bereits erwähnte Ost-West-Unterschied dieser Verdoppelung kann dabei noch differenzierter betrachtet werden. Die Kuchendiagramme auf der oben abgebildeten SADS-Karte (grün: mit Verdoppelung, orange: ohne Verdoppelung) weisen auf ein Übergangsgebiet hin, das sich um den Zürichsee und in der Nordwestschweiz befindet. Zudem zeigen diese Diagramme, dass die lassen-Verdoppelung im Kanton Bern vielerorts überwiegt. Noch einheitlicher sind die Antworten des SADS im Wallis und einer Kernregion der lassen-Verdoppelung, die sich von Uri über die Vierwaldstättersee-Region bis nach Solothurn erstreckt. Hier kommt nur die Variante mit der Verdoppelung vor.
Bei der lassen-Verdoppelung können wir in der Forschung sogar noch weiter zurückgehen: zum Sprachatlas der Deutschen Schweiz (SDS), dessen Daten in den 1930er- bis 1950er-Jahren erhoben wurden. Die untenstehende Karte zeigt ein viel heterogeneres Bild im westlichen Gebiet, wo oft Antworten mit (blau) und ohne lassen-Verdoppelung (rot) nebeneinander bestanden.
Vergleicht man nun die Karten des SDS (erste Hälfte des 20. Jahrhunderts), des SADS (Beginn des 21. Jahrhunderts) und der App nöis gschmöis (2025) sehen wir eine Ausbreitung der lassen-Verdoppelung. Damit ist die lassen-Verdoppelung ein Gegenbeweis für die vielfach geäusserte Vermutung, dass das Schweizerdeutsche dem Standarddeutschen immer ähnlicher wird.